Ignatz Höhne und die Kohleförderung in Türmitz

Im böhmischen Ort Türmitz (tschechisch Trmice), der an der westlichen Stadtgrenze von Aussig (tschechisch Ústí nad Labem) an einer Flussschleife der Biela (tschechisch Bílina) liegt, spielten Mitglieder einer Höhne-Familie im Kontext der Kohlenförderung eine Rolle.

Ignatz Höhne, ein Grundbesitzer, war einer der Pioniere bei der Erschließung der Braunkohlevorkommen in der Region. Gemeinsam mit dem Seifensieder Franz Anton Meixner begann er 1798, ein Braunkohlenlager auf der Flur Rabenei auszubeuten. Die Beteiligung Höhnes markierte den Beginn einer intensiveren und gezielten Nutzung der Kohleressourcen in der Gegend, die zuvor eher beiläufig erfolgte.

Ignatz Höhne verstarb 1815 im Alter von 73 Jahren. Sein Leben wurde von einer schweren Tragödie überschattet, da er kurz zuvor den Tod seines Sohnes Josef Höhne verkraften musste. Josef Höhne, der das väterliche Anwesen und die Kohlegrube übernehmen sollte, kam am 4. März 1814 im Alter von nur 33 Jahren bei einem Bergwerksunglück ums Leben. Die Todesursache war eine Vergiftung durch Kohlendunst im Schacht, was auf die damals mangelnden Sicherheitsstandards im Bergbau hinweist. Dieser Vorfall verdeutlicht exemplarisch die Gefahren, mit denen die ersten Kohlenarbeiter, die zumeist Handwerker oder Landwirte ohne bergmännische Vorkenntnisse waren, bei der Förderung konfrontiert waren.

Eine Vergiftung durch Kohlendunst im Kohlebergbau (auch „Wetterschlag“ genannt) entsteht, wenn sich giftige Gase wie Kohlenmonoxid (CO), Kohlendioxid (CO₂) oder Methan (CH₄) in der Grube ansammeln. Besonders gefährlich ist Kohlenmonoxid, da es farb- und geruchlos ist und den Sauerstofftransport im Blut blockiert. Dies führt zunächst zu Kopfschmerzen und Schwindel, später zu Bewusstlosigkeit und Atemlähmung, was ohne Rettung tödlich endet. Kohlendioxid ist ebenfalls riskant, da es schwerer als Luft ist und den Sauerstoff in der Atemluft verdrängt, was eine Erstickung ohne Vorwarnung zur Folge haben kann. Methan wiederum ist zwar nicht direkt giftig, kann aber in hohen Konzentrationen explosionsgefährlich sein. Eine Vergiftung verläuft meist schleichend: Zunächst treten Müdigkeit und Kopfschmerzen auf, dann Atemnot und Bewusstlosigkeit. Ohne rechtzeitige Rettung führt die Erstickung oder Vergiftung zum Tod. Um dies zu verhindern, werden im modernen Bergbau Lüftungssysteme eingesetzt, die für frische Luft sorgen, sowie CO-Warngeräte und Atemschutzgeräte, die den Bergleuten im Notfall Schutz bieten.

Die Kohleförderung in Türmitz nahm bereits Ende des 18. Jahrhunderts ihren Anfang und gewann insbesondere im 19. Jahrhundert erheblich an wirtschaftlicher Bedeutung. Zu Beginn wurde die Kohle primär von lokalen Handwerkern und Landarbeitern erschlossen, die aufgrund fehlender bergmännischer Erfahrung häufig Unfällen ausgesetzt waren. 1827 kam es beispielsweise zu einem schweren Schachteinsturz, bei dem zwei Arbeiter erst nach vier Tagen lebend geborgen wurden. Die Kohleförderung wurde im Laufe der Zeit professionalisiert, besonders unter der Leitung der gräflichen Familie von Nostitz. Graf Albert von Nostitz setzte ab 1841 verstärkt auf den systematischen Kohleabbau, indem er technische Neuerungen einführte und den Abtransport per Bahn ermöglichte. Bereits 1862 waren 160 Bergleute in Türmitz tätig, und die jährliche Fördermenge betrug 1,33 Millionen Zentner. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts erreichte die Kohleförderung mit einer Produktion von 2,75 Millionen Doppelzentnern unter Gräfin Maria Antonia Gabriele Sylva-Tarouca einen neuen Höhepunkt.

Quellen

  • Anton Tscherney, In: Beitrag zur Geschichte der Stadt Türmitz, Hrsgb. Josef Bertig, Türmitz 1909.
  • Von der Kohlenförderung in Türmitz, Aussiger Bote, 72. Jahrgang 2020, Folge 5, Seite 141ff.
  • Beitragsbild: fiktives, mit DALL·E 3 erstelltes Bild

Die Geschichte der Familie Höhne aus Arnsdorf: Von bäuerlichen Wurzeln bis zur Vertreibung

Zwischen 1945 und 1946 wurden die meisten deutschböhmischen Bewohner, darunter auch die Einwohner des Ortes Arnsdorf (heute Arnultovice in Tschechien), im Zuge der Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei aus ihrer Heimat zwangsausgesiedelt. Die Mehrheit dieser Vertriebenen suchte Zuflucht in den Gebieten des heutigen Deutschlands.

Im deutschböhmischen Ort Arnsdorf lebten auch Angehörige der Familie Höhne. Der erste Bewohner war mit hoher Wahrscheinlichkeit Hans Franz Höhne (* 10. März 1735 in Leukersdorf; + nach 12. April 1784), der aus Leukersdorf nach Arnsdorf zog. Am 2. Februar 1762 heiratete Franz in Arnsdorf Anna Veronica Ekelt (* vor 1744; + nach 12. April 1784) und übernahm den Bauernhof ihrer Eltern in Arnsdorf, der später mit der Hausnummer 16 bezeichnet wurde.

Veronica und Franz hatten insgesamt elf Kinder, die wohl alle auf dem Hof in Arnsdorf geboren wurden. Ihr erstgeborenes Kind, Hans Franz Höhne, erblickte am 21. Februar 1763 das Licht der Welt und wurde bereits einen Tag später, am 22. Februar, in der Allerheiligenkirche von Arnsdorf getauft. Zwei Jahre später wurde am 4. November 1764 ihre Tochter Veronica geboren, die ebenfalls bald nach ihrer Geburt, am 5. November, in derselben Kirche getauft wurde. Im Januar 1767 kam das dritte Kind der Familie, Theresia Höhne, zur Welt. Sie wurde am 16. Januar 1767 geboren und am nächsten Tag, dem 17. Januar, in der Allerheiligenkirche getauft. Auch Anna Maria Höhne, die am 5. März 1769 geboren wurde, wurde am Tag nach ihrer Geburt in der örtlichen Kirche getauft, genauer am 6. März 1769. Das fünfte Kind der Familie, Anna Dorothea Höhne, wurde am 21. Februar 1771 getauft und wurde wahrscheinlich am selben Tag oder wenige Tage zuvor geboren. Teilweise wurden in den Kirchenbüchern nur die Datumsangaben der Taufen aufgeschrieben. Zwei Jahre später folgte Johann Joseph Höhne, der am 15. Juli 1773 in Arnsdorf getauft wurde. Ein tragisches Schicksal ereilte die Familie mit ihrem Sohn Franz Anton Höhne, der am 5. Oktober 1775 getauft wurde, aber bereits nach nur wenigen Monaten, am 26. März 1776, verstarb. Die Familie musste im Verlauf der Jahre mehrere solcher Verluste ertragen, darunter auch ihre Tochter Apollonia, die am 2. Februar 1777 getauft wurde und am 27. Februar 1780 im Alter von drei Jahren verstarb. Ein weiterer Sohn, ebenfalls Franz Anton genannt, wurde am 5. April 1779 getauft, doch auch er starb früh, am 27. September 1780. Ihr nächster Sohn, Anton Höhne, getauft am 6. April 1781, überlebte. Anton übernahm später den elterlichen Hof und heiratete Maria Elisabeth Steppe (* 21 Mai 1777; + nach 1. Oktober 1823). Das letzte Kind der Familie, Franz Joseph Höhne, wurde am 12. April 1784 getauft.

Elisabeth und Anton bekamen insgesamt zehn Kinder, nachdem Anton den Hof seines Vaters übernommen hatte. Ihr erstes Kind, Franz Joseph Höhne, wurde am 13. Dezember 1801 in Arnsdorf geboren und am darauffolgenden Tag in der Allerheiligenkirche getauft. Über sein Leben ist bekannt, dass er nach dem 12. Januar 1854 verstarb und verheiratet war mit M. Anna Zimmler aus Mörkau. Ihr zweites Kind, Franz Anton Höhne, kam am 10. Juli 1803 zur Welt und wurde am gleichen Tag in der Allerheiligenkirche getauft. Von seinem späteren Leben liegen keine weiteren überlieferten Informationen vor. Das dritte Kind, Wenzl Höhne, wurde am 30. Januar 1805 geboren und am 31. Januar 1805 getauft. Er starb nach dem 10. Januar 1860 und war verheiratet mit Agnes Böhme (* 3. Juli 1810 in Arnsdorf; + ?) aus Arnsdorf Nr. 19. Wenzl zog später in Haus Nummer 44 in Arnsdorf und war ein Häusler. Das vierte Kind, Ignatz Höhne, wurde am 29. November 1806 geboren und am 30. November 1806 getauft. Auch über sein späteres Leben liegen keine weiteren Informationen vor. Theresia Höhne, das fünfte Kind, wurde am 10. Juni 1808 geboren und am 11. Juni 1808 in der Allerheiligenkirche getauft. Über ihr weiteres Leben sind bislang keine belegten Informationen überliefert. Da das folgende Kind ebenfalls den Namen Theresia erhielt, ist es wahrscheinlich, dass sie vor der Geburt ihrer Schwester verstarb. Das sechste Kind, ebenfalls Theresia genannt, wurde am 21. April 1810 geboren und am 22. April 1810 getauft. Sie heiratete am 10. November 1835 Joseph Hahmann, einen Bauern aus Arnsdorf Nummer zehn. Ihr Ehemann war der Sohn von Joseph Hamann und Theresia Damaschke. Aus dieser Ehe gingen mindestens zwei Kinder hervor. Franz Anton Höhne, das siebte Kind, wurde am 9. November 1811 geboren und am 10. November 1811 getauft. Auch zu seinem Leben gibt es bislang keine weiteren überlieferten Informationen. Franz Xaver Höhne, geboren am 4. Juni 1815, war das achte Kind der Familie. Er wurde am 5. Juni 1815 getauft und heiratete am 29. Januar 1839 Maria Josepha Anders (* 1. Juli 184 in Deutsch Kahn; + nach 14. September 1848) aus Deutsch Kahn Nr. 32. Franz führte den elterlichen Hof weiter und wurde später als Gemeindevorsteher von Arnsdorf erwähnt. Er starb zwischen dem 28. Oktober 1862 und dem 17. Januar 1865. Das neunte Kind, Maria Anna Höhne, wurde am 11. Dezember 1819 geboren und am 12. Dezember 1819 in der Allerheiligenkirche getauft. Sie heiratete Franz Lehmann (* 12. Oktober 1818 in Arnsdorf; + ?) aus Arnsdorf Nr. 31 am 19. Mai 1840. Das zehnte und jüngste Kind, Ferdinand Höhne, wurde am 1. Oktober 1823 geboren und am selben Tag in der Allerheiligenkirche getauft. Sein weiteres Leben bleibt ungewiss, da bislang keine weiteren Informationen überliefert sind.

Josepha und Franz bekamen zumindestens vier Kinder, nachdem Franz den Hof seines Vaters übernommen hatte. Ihr erstes Kind, Maria Anna Höhne, wurde am 11. März 1840 in Arnsdorf Nr. 16 geboren und am 12. März 1840 in der Allerheiligenkirche getauft. Sie blieb bis zu ihrer Heirat mit Karl Thiele (* 23. Februar 1830 in Deutschkahn; + ?), am 28. Oktober 1862, in Arnsdorf. Karl Thiele stammte aus Deutsch Kahn Nr. 24. Das zweite Kind von Josepha und Franz, Franz Höhne, wurde am 28. August 1842 in Arnsdorf Nr. 16 geboren und am 29. August 1842 getauft. Franz war zwischenzeitlich Wirtschaftsbesitzer in Arnsdorf Nr. 10 und zog später nach Gratschen Nr. 1, wo er ebenfalls Wirtschaftsbesitzer war. Er starb am 11. November 1914 in Gratschen Nr. 1 und wurde in Seesitz beerdigt. Am 22. November 1864 heiratete er Carolina Watzke (* 13. Februar 1842; + 7. März 1922), mit der er seine eigene Familie gründete und in Gratschen lebte. Das dritte Kind, Emanuel Höhne, wurde am 27. August 1845 in Arnsdorf geboren und ebenfalls in der Allerheiligenkirche getauft. Über sein weiteres Leben liegen bislang keine weiteren Informationen vor. Das vierte und bislang bekannte jüngste Kind der Familie, Maria Höhne, wurde am 13. September 1848 in Arnsdorf geboren und am 14. September 1848 in der Allerheiligenkirche getauft. Sie heiratete am 20. April 1869 Franz Czedir (* etwa Januar 1846; + ?)). Die Hochzeit fand ebenfalls in der Allerheiligenkirche in Arnsdorf statt.

Nach der Vertreibung der Deutschböhmen aus der Tschechoslowakei wurden die Bewohner des deutschböhmischen Ortes Arnsdorf in verschiedenen Regionen Deutschlands angesiedelt. Von den 51 erfassten Familien fanden die meisten, nämlich 29 Familien, eine neue Heimat in Mecklenburg-Vorpommern. Weitere acht Familien zogen nach Thüringen, während vier Familien in der Provinz Sachsen und zwei Familien in Sachsen angesiedelt wurden. Einzelne Familien fanden in Hessen (eine Familie), Mittelfranken (drei Familien), Oberfranken (drei Familien) und der Oberpfalz (eine Familie) eine neue Bleibe.

Die Provinz Sachsen war eine preußische Provinz und existierte als solche bis zur Auflösung Preußens nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie lag im zentralen Teil Deutschlands und umfasste Gebiete, die heute hauptsächlich zu Sachsen-Anhalt gehören. Die Provinz Sachsen wurde 1816 nach dem Wiener Kongress gegründet und bestand aus den Regierungsbezirken Magdeburg, Merseburg und dem Herzogtum Sachsen (Anhalt). Wichtige Städte in dieser Provinz waren Magdeburg, Halle (Saale) und Dessau. Nach 1945 wurde die Provinz Sachsen durch die Sowjetische Besatzungsmacht neu organisiert und in die Länder Sachsen-Anhalt und Thüringen aufgeteilt. Teile der Provinz wurden auch in das neu geschaffene Land Brandenburg eingegliedert.

Die Geschichte der Familie Höhne, ebenso wie die vieler anderer deutschböhmischer Familien, ist stark von den politischen Umwälzungen im 20. Jahrhundert geprägt. Nach der Vertreibung der deutschböhmischen Bevölkerung nach dem Zweiten Weltkrieg fanden viele der einstigen Bewohner von Arnsdorf in verschiedenen Teilen Deutschlands eine neue Heimat. Bislang ist unklar, wohin die Höhne-Familien nach der Vertreibung tatsächlich gezogen sind.

Die Aufzeichnungen über die Familie Höhne geben jedoch Einblick in die familiären Strukturen, das bäuerliche Leben und die historischen Schicksale, die das Leben der Menschen in dieser Region über Generationen hinweg prägten.

Podcast

Quellen

  • Oskar Laurich, In: Wie Flugsamen verweht. Aussiedlung uns Streuung unserer Landsleute., Aussiger Bote, 5./6. Heimatbrief, Helmut Preußler Verlag, 1949, Seite 7ff.
  • Archiv Leitmeritz Sig. 147/16 – Tauf-, Trauungs-, Sterberegister – katholische Kirche Gartitz – 1746-1784
  • Archiv Leitmeritz Sig. 147/17 – Geburtsregister – katholische Kirche Gartitz – 1784-1848
  • Archiv Leitmeritz Sig. 147/36 – Traumatrikel – katholische Kirche Gartitz – 1784-1924
  • Beitragsbild: fiktives, mit DALL·E 3 erstelltes Bild

Hinweise

Die Audiodatei, einschließlich der darin enthaltenen Stimmen, wurde mittels KI-Technologie von NotebookLM generiert. Dabei kann es zu Fehlern und Audiostörungen kommen. Diese Audiofolge bieten keine umfassende oder objektive Betrachtung eines Themas, sondern geben lediglich den Inhalt der genutzten Quellen wieder. Derzeit ist diese Audiodatei ausschließlich in englischer Sprache verfügbar.

Das Richtergut in Leukersdorf: Die gesamte Geschichte

In dem Artikel ‚Das Richtergut in Leukersdorf: Ein Kapitel in der Geschichte der Familie Höhne‚ habe ich einen Ausschnitt aus meiner ursprünglichen Veröffentlichung aus dem deutschen Wikipedia-Eintrag hierzu veröffentlicht. Der ursprüngliche Wikipedia-Eintrag war deutlich umfangreicher und enthielt unter anderem eine Liste aller bekannten Besitzer. Diese detaillierten Informationen wurden jedoch entfernt, da sie als nicht passend für einen Enzyklopädie-Eintrag auf Wikipedia angesehen wurden. Um sicherzustellen, dass diese umfangreichen Informationen nicht verloren gehen, möchte ich sie an dieser Stelle erneut veröffentlichen:

Richtergut (Leukersdorf)

Das Richtergut im damals deutschböhmischen Ort Leukersdorf (tschechisch Čermná) war ein Bauerngut, dessen Eigentümer besondere Rechte, insbesondere das Richteramt innehatten.

Gebäude, Grundstück und Flurstücke

Das Richtergut war ein Bauerngut mit der Hausnummer 1 in Leukersdorf.
Das Erdgeschoss des Wohnhauses des Bauernguts mit der Stube und dem Stall war in Massivbauweise ausgeführt, während das darüberliegende Stockwerk in Fachwerkbauweise ausgeführt war. Bis 1920 war das Dach des Wohnhauses noch mit Stroh und anschließend zusammen mit dem in den Jahren 1730 bis 1740 errichteten Nebengebäude mit Zementziegeln gedeckt.
Das Wohnhaus hatte in früheren Zeiten eine sehr große Stube, in der sich eine Schänke befand, in der getanzt werden konnte. In späterer Zeit wurde diese Stube in vier Zimmer umgebaut.
Zum Gut gehörten eine mit Stroh gedeckte Scheune, ein aus Holz und Lehm sowie einem Strohdach gebauter Holz- und Futterschuppen, ein Siedehaus sowie ein Dörrhaus. 1907 wurde ein Göpelschuppen errichtet.
Das Bauerngehöft war noch im Jahr 1922 von einer Steinmauer umgeben, an dessen Eingangstor zwei mächtige alte Linden standen. Bis etwa 1880 standen an der Außenseite der Steinmauer eine Reihe von Pappeln, die später jedoch gefällt wurden.
Zum Richtergut gehörten neben dem Bauerngut die zwischen den Häusern in Leukersdorf Nr. 34 und Nr. 35 gelegene niedere Hube und die als Hundaß benannte obere Hube. Am 23. Juni 1635 behält sich Michael Löbel beim Verkauf des Richtergutes an seinen Bruder Andreas Löbel die obere Hube auf Lebenszeit vor, welche nach dessen Tod wieder gegen Bezahlung zum Richtergut zurückfallen sollte.
Am 30. März 1832 verkaufte der damalige Eigentümer Franz Anton Güttler (* 8. September 1776 in Leukersdorf; † 15. Dezember 1847 in Leukersdorf) die komplette obere Hube in zwei Teilen an die Brüder Franz Anton Güttler (* 9. Juli 1800 in Leukersdorf; † nach 1855) aus Leukersdorf Nr. 2 und an Ignaz Güttler (* 2. Juli 1802 in Leukersdorf; † nach 1832) aus Leukersdorf Nr. 17. Mehr als neun Jahre später verkaufte er am 31. Dezember 1841 auch den überwiegenden Teil der unteren Hube an Anton Löbel aus Leukersdorf Nr. 43, Ignaz Höhne (* 22. November 1775 in Leukersdorf Nr. 35; † etwa 13. April 1852 in Leukersdorf) aus Leukersdorf Nr. 34 und Ferdinand Vogel aus Leukersdorf Nr. 29. Dafür pachtete Franz Anton Güttler (* 8. September 1776 in Leukersdorf; † 15. Dezember 1847 in Leukersdorf) für sechs Jahre den Leukersdorfer Jahrmarkt. Durch dessen Sohn und Nacheigentümer Franz Joseph Güttler (* 16. Juli 1809 in Leukersdorf; † 30. Mai 1868 in Leukersdorf) wurden weitere Grundstücke, insbesondere Wald und Wiesen veräußert.

Rechte

Seit 1591 hatten über einen Zeitraum von 257 Jahre die Eigentümer des Gutes zugleich das Richteramt in Leukersdorf inne, bis die Ortsrichter nach der Revolution von 1848/1849 im Kaisertum Österreich von den Vorstehern abgelöst wurden.
Das Richteramt und damit auch die Verbindung zwischen dem Amt und einem landwirtschaftlichen Gut (Richtergut) gibt es in Deutschland seit dem Mittelalter. Im Mittelalter waren viele Richter auf dem Land tätig und betrieben neben ihrer Tätigkeit als Richter auch eine landwirtschaftliche Nutzung. Das Richteramt und das Richtergut waren in dieser Zeit eng miteinander verbunden und bildeten oft eine Einheit. Das Richteramt und damit auch das Richtergut waren in der Regel an die Person des Richters gebunden. Das Amt und der damit verbundene Besitz (das Richtergut) konnte nur unter bestimmten Voraussetzungen an eine andere Person übertragen werden. In einigen Fällen wurde das Richteramt und das Richtergut an einen Nachfolger weitergegeben, zum Beispiel an einen Sohn oder einen anderen Verwandten. Dies war jedoch nur möglich, wenn der Nachfolger die entsprechenden fachlichen und persönlichen Voraussetzungen erfüllte und das Amt auch tatsächlich übernehmen wollte. In anderen Fällen wurde das Richtergut verkauft, wenn der Richter aus dem Amt ausschied, verstarb oder das Gut nicht mehr selbst bewirtschaften wollte.
Auch der erste bekannte Eigentümer des Bauernguts Nr. 1 in Leukersdorf, Benedikt Pieschel trat 1573 zugleich als Ortsrichter in Erscheinung. Das Richteramt wurde aber in der Zeit von 1574-1576 von Ambrosius Struppe aus Leukersdorf Nr. 35, von 1577-1581 von Simon Anders aus Leukersdorf Nr. 22, von 1581-1584 von Matthäus Günther aus Leukersdorf Nr. 44, von 1585-1586 erneut Benedikt Pieschel aus Leukersdorf Nr. 1 und von 1587-1590 erneut Matthäus Günther aus Leukersdorf Nr. 44 ausgeübt. Anschließend war das Richteramt mit dem Richtergut verbunden, bis im Jahr 1847 mit Anton Deutsch aus Leukersdorf Nr. 5 wieder eine Person das Richteramt ausübte, die nicht zugleich Eigentümer des Bauernguts Nr. 1 war.
Der Eigentümer des Richterguts hatte zugleich die „Gerechtigkeit“ des Schank-, Back-, Salzschank- und Schlachtrechts. Im Jahr 1841 wurde das Schank- und Schlachtrecht durch den amtierenden Richter Franz Joseph Güttler (* 16. Juli 1809 in Leukersdorf; † 30. Mai 1868 in Leukersorf) auf das Haus Nr. 56 in Leukersdorf übertragen, welches von seinem jüngeren Bruder, dem Fleischer Ferdinand Güttler (* 14. August 1811 in Leukersdorf; † 18. März 1886 in Leukersorf) im Jahr 1841 auf dem Grundstück des Richtergutes errichtet wurde.
Zudem wurde im Richtergut die Gemeindekasse nebst der Gemeinderechnung aufbewahrt, in Schlussfolgerung dessen der Richter in Leukersdorf mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit zugleich auch die Gemeindekasse geführt hatte. In einigen Fällen hat der Richter neben seiner Tätigkeit als Richter auch die Gemeindekasse geführt. Das heißt, dass er für die Finanzverwaltung der Gemeinde zuständig war und für die Einnahmen und Ausgaben der Gemeinde verantwortlich war. Diese Aufgabe konnte der Richter entweder nebenberuflich oder hauptberuflich ausüben. Die Führung der Gemeindekasse war für den Richter eine wichtige Aufgabe, da sie eine wesentliche Grundlage für die Entscheidungen der Gemeinde darstellte. Der Richter musste sicherstellen, dass die Gemeinde über ausreichende finanzielle Mittel verfügte, um ihre Aufgaben zu erfüllen und die notwendigen Ausgaben zu tätigen. Die Verbindung zwischen dem Richteramt und der Führung der Gemeindekasse gab es vor allem in kleineren Gemeinden, in denen der Richter oft auch für andere Aufgaben der Gemeindeverwaltung zuständig war. In größeren Gemeinden wurde die Führung der Gemeindekasse in der Regel von einem separaten Finanzbeamten übernommen.

Besitzer

Als Eigentümer des Bauernguts Nr. 1 sind für den Zeitraum von 1573-1922 die nachfolgenden Eigentümer bekannt:
Als frühester Eigentümer ist aus Urkunden für das 1573 Benedikt Pieschel bekannt, der zu dieser Zeit zugleich Ortsrichter war. Das Richteramt wird aber bereits ab 1574 unabhängig vom Bauergut Nr. 1 bis 1591 durch andere Personen ausgeübt. Am 13. Dezember 1585 verkauft Benedikt Pieschel das Richtergut an Paul Löbel aus Königswald, nachdem Benedikt Pieschel drei Jahre zuvor im nahe gelegenen Dorf München das Gut München Nr. 7 des Paul Paul gekauft hatte. Ab 1591 ist Paul Löbel zugleich auch Ortsrichter. Nach 15 Jahren wird durch Paul Löbel am 4. April 1601 das Richtergut an einen Veit Laube aus Wilsdorf verkauft; eine seiner Töchter war mit einem Matz Laube verheiratet. Dessen Sohn Fabian Laube erwirbt fünf Jahre später am 24. Juli 1606 das Gut und verkauft es innerhalb eines Jahres am 10. März 1607 zum dreifachen Preis an Georg Rupprecht aus Königswald. Durch Georg Rupprecht wird das Richtergut nach sechs Jahren zunächst an an einen Lorenz Nitschmann aus Peterswald verkauft, der unter Vernachlässigung seiner Verpflichtungen versucht haben soll, das Gut lediglich auszubeuten. Infolge kam es zu Streitigkeiten, in dessen Folge am 21. Januar 1613(?) Rudolf von Bünau das Gut übernahm, der seinerseits das Gut wenige Monate später bereits am 27. Juli 1613 an Merten Beschke aus Rosental mit Gewinn weiterverkaufte. Merten Beschke verkaufte widerum innerhalb eines Jahres am 9. April 1614 das Richtergut mit Verlust (wohl) wieder an Paul Löbel aus Königswald. Paul Löbel blieb 12 Jahre Landwirt des Richterguts bzw. Richter und veräußerte am 28. Mai 1626 das Gut an einen seiner Söhne, Michael Löbel, der im Richtergut geboren wurde, aber bis zum Kauf des Richtergutes zunächst im benachbarten Grundstück Leukersdorf Nr. 44 lebte. Neun Jahre später wurde das Richtergut durch Michael Löbel am 23. Juni 1635 an dessen Bruder Andreas Löbel verkauft, wobei Michael Löbel die als Hundaß benannte obere Hube auf Lebenszeit behielt. Weniger als drei Jahre später tauschte Andreas Löbel am 10. Februar 1638 sein Richtergut mit dem Bauerngut von Kaspar Höne (üblich abweichende Schreibweise des Namens Höhne) (* etwa 1597 in München; † 23. Januar 1676 in München) aus dem nahe gelegenen München, der fast ein Jahr später am 9. Februar 1639 wiederum das Richtergut mit Simon Günther aus Leukersdorf Nr. 34 mit einer zusätzlichen Zahlung tauschte. Nachdem Simon Günther zehn Jahre lang das Gut bewirtschaftet hatte tauschte er es am 25. Februar 1649 zurück an Kaspar Höhne (* etwa 1597 in München; † 23. Januar 1676 in München). Am 3. April 1650 tauschte Kaspar Höne bereits nach etwas mehr als einem Jahr das Bauerngut Nr. 1 gegen eine deutlich höhere Zahlung wieder an Michael Löbel aus Leukersdorf Nr. 44 zurück, der damit erneut Eigentümer des Richterguts und somit auch wieder Ortsrichter wurde. Sein Sohn Martin Löbel (* etwa 1630 in Leukersdorf; † 30. März 1696 in Leukersdorf) übernahm 25 Jahre später am 25. Mai 1675 das Richtergut und verkauft dieses sieben Jahre später am 23. Juli 1682 wiederum an seinen Sohn Paul Löbel (* etwa 1663 in Leukersdorf; † 27. April 1716 in Leukersdorf). Die Tochter Anna Elisabeth Löbel des Paul Löbel heiratete (oo 19. Oktober 1706 in Leukersdorf) Georg Güttler (* etwa 1670 in Reindlitz(?); † 8. März 1738 in Leukersdorf), der am 20. Februar 1707 das Richtergut käuflich von Paul Löbel erwirbt. Nach dem Tod des Georg Güttler am 8. März 1738 führt zunächst dessen Witwe Anna Elisabeth Güttler, geb. Löbel das Bauerngut fort, veräußert dieses am 26. April 1740 an ihren Sohn Johann Josef Güttler (* 1. Dezember 1711 in Leukersdorf; † 5. März 1764 in Leukersdorf) und behält sich ein Wohnrecht in einem neuen Gebäude (Auszügerhaus) auf dem Grundstück vor. Am 12. März 1764 übernahm Johann Wenzel Güttler (* 21. Februar 1742 in Leukersdorf; † 14. September 1809 in Leukersdorf) käuflich von seiner Stiefmutter Appolonia das Richtergut, nachdem sein Vater am 5. März 1764 verstorben war. Erst vierzig Jahre später wird das Richtergut käuflich durch dessen Sohn Franz Anton Güttler (* 8. September 1776 in Leukersdorf; † 15. Dezember 1847 in Leukersdorf) am 15. August 1804 erworben. Dessen Sohn, Franz Joseph Güttler (* 16. Juli 1809 in Leukersdorf; † 30. Mai 1868 in Leukersdorf) kaufte das Richtergut am 10. November 1838 und war zugleich der letzte Eigentümer des Bauernguts Nr. 1, der damit zugleich das Richteramt ausübte. Franz Joseph Güttler verkaufte wiederum an seinen Sohn, Franz Xaver Güttler (* 7. November 1844 in Leukersdorf; † 18. Juli 1890 in Leukersdorf) am 17. Februar 1869. Nach dem plötzlichen Tod von Franz Güttler am 18. Juli 1890 wurde dessen Ehegattin Thekla Güttler, geb. Deutsch (* 18. Mai 1841 in Leukersdorf; † 27. April 1905 in Leukersdorf) das Bauerngut Nr. 1 am 27. März 1891 überantwortet, da der Sohn Franz Güttler (* 7. Dezember 1881 in Leukersdorf; † ?) zu diesem Zeitpunkt noch minderjährig war. Erst im Alter von 32 Jahren übernahm der Sohn Franz Güttler am 15. Juli 1914 das Bauergut Nr. 1; er war zugleich Gemeindevertreter und Direktor der Spar- und Darlehenskasse.
Aufgrund des Beneš-Dekrets 108 vom 25. Oktober 1945 wurde das gesamte bewegliche und unbewegliche Vermögen der Bewohner von Leukersdorf, welche fast ausschließlich Deutschböhmen waren, konfisziert, unter staatliche Verwaltung gestellt und in den Jahren 1945/1946 die Bewohner unter Androhung und Anwendung von Gewalt zum Verlassen ihrer Heimat gezwungen. Infolge ging der Besitz am Bauerngut Nr. 1 später mit hoher Wahrscheinlichkeit an tschechische oder slowakische Siedler über.

Trivia

Am 30. August 1813 kamen für die Dorfbewohner von Leukersdorf unerwartet französische Truppen auf der Flucht von der Schlacht bei Kulm und lagerten auf den Feldern der Wirtschaften von Leukersdorf Nr. 23 und 24. Durch die französischen Truppen wurden vielzählige Güter des Dorfes akquiriert oder geplündert. Auch das Richtergut wurde zur Nachtzeit geplündert und in diesem Zuge u.a. die Gemeinderechnung für das Jahr 1812 sowie das gesamte ungezählte Bargeld aus der Gemeindekasse entwendet.
Am 18. Juli 1890 wurde der damalige Eigentümer des Bauerngutes Nr. 1 in Leukersdorf Franz Xaver Güttler (* 7. November 1844 in Leukersdorf; † 18. Juli 1890 in Leukersdorf) auf seiner Wiese nahe der Grenze zur benachbarten Gemeinde Böhmisch-Kahn beim Heuaufladen auf dem Wagen vom Blitz erschlagen. Seine Ehegattin Thekla Güttler, geb. Deutsch (* 18. Mai 1841 in Leukersdorf; † 27. April 1905 in Leukersdorf) ließ an dieser Stelle zur Erinnerung ein Kreuz errichten. Franz Güttler war ein Gründungsmitglied der Freiwilligen Feuerwehr in Leukersdorf und war der erste, der durch die Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr zu Grabe geleitet wurde.

Weblinks

Quellen

  • Wenzel Plaschke: Geschichte des Richtergutes in Leukersdorf (Bauerngut Nr. 1). In: Arbeitsgemeinschaft für Heimatforschung in Aussig, geleitet von Prof. Dr. Franz Josef Umlauft (Hrsg.): Beiträge zur Heimatkunde des Aussig-Karbitzer Bezirkes. 2. Jahrgang, 1922, 2. Heft. Selbstverlag, 1922, S. 75ff.
  • Wenzel Plaschke: Die Ortsrichter von Leukersdorf. In: Arbeitsgemeinschaft für Heimatforschung in Aussig, geleitet von Prof. Dr. Franz Josef Umlauft (Hrsg.): Beiträge zur Heimatkunde des Aussig-Karbitzer Bezirkes. 5. Jahrgang, 1925, 1. Heft. Selbstverlag, 1925, S. 20.
  • Wenzel Plaschke: Häusergeschichte von Leukersdorf. In: Arbeitsgemeinschaft für Heimatforschung in Aussig, geleitet von Prof. Dr. Franz Josef Umlauft (Hrsg.): Beiträge zur Heimatkunde des Aussig-Karbitzer Bezirkes. 9. Jahrgang, 1929, 3. Heft. Selbstverlag, 1929, S. 111f.
  • Seite „Richtergut (Leukersdorf)“. In: Wikipedia – Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 14. Februar 2023, 20:35 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Richtergut_(Leukersdorf)&oldid=230895410 (Abgerufen: 7. Juni 2023, 05:56 UTC)
  • Seite „Richtergut (Leukersdorf)“. In: Wikipedia – Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 6. Januar 2023, 22:52 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Richtergut_(Leukersdorf)&oldid=229569221 (Abgerufen: 11. Juni 2023, 18:42 UTC)
  • im Text verlinktes Kartenmaterial des tschechischen Geoportals ČÚZK
  • Die im Text verlinkten Kirchenbücher sind Teil des tschechischen Státní oblastní archiv Litoměřice (Staatliches Gebietsarchiv Litomerice).
  • Beitragsbild: fiktives, mit DALL·E 3 erstelltes Bild